Herr Dalla Corte, was bedeutet Ihnen Architektur?

DDC Architektur ist nicht allein die Fähigkeit (oder Kunst) Bauten zu organisieren, gestalten und zu realisieren. Sie ist die Kunst, Bauten nicht einfach als Objekte zu erstellen, sondern vielmehr in und mit ihnen Räume zu schaffen für die Bedürfnisse des Menschen. Damit meine ich jene Hohlräume, welche in den Bauten sind, und nicht das Volle, die Mauern, Böden, Decken und die Fassaden, die um sie sind. Damit meine ich auch jene Räume, welche zwischen den Bauten sind, die Strassen und Plätze. Geeignete Räume für die physischen und psychischen Bedürfnisse des Lebens. Räume, welche gedacht sind für das Wohlbefinden derjenigen, die darin leben. Wer so denkt, weiss dass die Planung in Tat und Wahrheit Architektur ist, und nicht ein Tummelplatz für Spezialisten. Planung ist Architektur des grösseren Hauses, der Stadt in welcher wir leben und welche als solche geistig antizipiert werden muss, um sie in der Realität räumlich entstehen lassen zu können.

In welcher Form findet sich diese Auffassung in Ihrer Architektur wieder, gibt es eine Besonderheit – eine Stilistik – die Sie auszeichnet?

DDC Die Stilfrage wird uns häufig gestellt. Für mich ist Architektur primär Ausdruck des Verhältnisses ‚Raum – Leben‘. Jenes Verhältnis impliziert Ambiente, welches aus der gegenseitigen Abhängigkeit des Verhaltens des Menschen in einem Raum, und vom Raum als Herausforderer eines Verhaltens hervorgeht. Architektur als Kunst bedeutet die Fähigkeit, die Lebensbedingungen der künftigen Benutzer zu verstehen, und sie in Harmonie der Räume auszudrücken. Als Architekt muss man sich dieser Verpflichtung zunächst bewusst sein, bevor man beginnt, sich im Disput über Stile, Formen, Moden und Bauweisen zu verlieren.

Wie kann man sich das konkret vorstellen?

DDC Als der erste Mensch seine Hütte baute, tat er dies ganz selbstverständlich, um über einen Raum zu verfügen, worin er leben konnte, und er gab ihr eine Form, um sie bewohnbar zu machen. Wir müssen verstehen, dass sowohl Mauern, als auch Bauten dort zu stehen haben, wo ein Raum begrenzt werden soll, und dass Raum nicht das ist, was zwischen projektierten Mauern oder Bauten übrig bleibt. Eigentlich sollten wir uns nicht wundern, dass Architektur hauptsächlich nach ihren formalen Aspekten betrachtet wird. Seit Vitruv spricht man über nichts anderes als die Gestaltungslehre, wobei die zu jener Zeit selbstverständliche Priorität des Raumes in Vergessenheit geraten ist.

Wie setzen Sie diese Philosophie in Ihrer Gestaltung um?

DDC In der heutigen Zeit, in der es durch laufend neue Materialien mit ihren konstruktiven Möglichkeiten einen grossen Gestaltungsfreiraum gibt, ist auch die Gefahr der Verwirrung vorhanden. Es wird schwer, Gutes von Schlechtem zu unterscheiden. Es scheint mir deshalb wichtig, Kriterien zu besitzen, die über den Zeiten stehen. Für mich gelten vor allem drei fundamentale Begriffe: Sinn für Geschichte, Empfinden von Zivilisation, Verstehen von Kultur.

Etwas ketzerisch gefragt – ist das nicht eine sehr altmodische Sichtweise?

DDC Absolut nicht, wir müssen unsere Vergangenheit kennen und verstehen lernen, um aus ihr die Werte herauszuschälen, welche in die Gegenwart übertragen und erhalten werden sollten. Dies bedeutet Verständnis für Geschichte, Zivilisation und Kultur. Achtung vor der Vergangenheit besteht im tieferen Bewusstsein vor dem, was wir gewesen sind, vor der Kultur, die die unsere ist. Vergangenheit, welche Gegenwart geworden ist. Vergangenheit, welche geworden ist, was wir sind und welche wir entwickeln wollen. Dies bedeutet in der Architektur nicht einfach erhalten, sondern Werke unserer Zeit schaffen, welche unsere eigenen sind. Stets hat der Mensch bewundernswerte Zeichen der eigenen Zeit geschaffen. Sie sind eine einzigartige Quelle der Inspiration und vor allem der Disziplin auf unserem Weg in die Zukunft. Dies alles impliziert Kreativität, die ein Hauptmerkmal des Architekten sein muss. Wer sich der Vergangenheit verschreibt, um sie einfach zu imitieren, ist nicht kreativ. Er ist ein Nachahmer und ist infolgedessen nicht Architekt.

Sie leben und wirken also vollkommen im Hier und Jetzt, ohne das aus den Augen zu verlieren, was vor Ihnen war?

DDC Mit Sinn für die Geschichte sollten wir in unserer Vergangenheit suchen, um zu den Wurzeln dessen zurückzukehren, was unser Innerstes ausmacht. Kehren wir zu den Architekten zurück und begleiten wir sie in ihren sich folgenden Metamorphosen. Dringen wir mit Sinn für Geschichte ein in die Zusammenhänge, welche die Metamorphosen bestimmten, um das ,Warum‘ der Geschehnisse, was wichtiger ist als das ,Wie‘, zu verstehen. Schreiten wir wiederum Stufe um Stufe, die Zeitleiter hinauf bis zu unseren Tagen, zu den aktuellen Motivationen eines neuen ,Warums‘. Diese Motivationen können nur jene des empfundenen Lebens sein. So werden daraus Kriterien entstehen, welche auf unserer absoluten inneren Gewissheit von Zivilisation fundiert sind und aufgrund derer wir den Lebensraum unserer Gesellschaft mit gestalten dürfen.

Vielen Dank für dieses Gespräch.

DDC Ich habe zu danken.